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Darf ein Therapiehund bellen? - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

07.12.2018

Darf ein Therapiehund bellen?

von Gerd Ganser

In diesem ersten Blog-Beitrag möchte ich ein Thema aufgreifen, dem ich immer wieder begegne und das durchaus kontrovers diskutiert werden kann. Bei einem Wochenendseminar, bei dem meine Frau Kerstin Geppert und ich als Gastdozenten eingeladen waren, entwickelte sich eine spannende Diskussion um die Frage, ob ein Therapiehund bellen darf. Natürlich ging es nicht nur um das „Bellen“, sondern um die grundsätzliche Frage, welches Verständnis wir vom Einsatz und Training des Hundes haben.

Ein Teil der Teilnehmer argumentierte so: Es gehe doch in der tiergestützten Arbeit darum dem Klienten ein positives Erlebnis mit Natur und Tier zu vermitteln. So könne der Klient entspannen und der Hund als „Eisbrecher“ dienen und die ganze Atmosphäre im pädagogischen und therapeutischen Raum verbessern. Dies könne sich dann positiv auf die Beziehung zwischen Klient und Therapeut/Pädagoge auswirken. Belle der Hund den Klienten an, so würde diese Wirkung nicht eintreten und vielleicht sogar den Klienten schwer belasten, wenn dieser z.B. auch ansonsten oft abgelehnt wird und ihm dies dann ausgerechnet beim Therapeut/Pädagoge wieder passiert.

Andere Teilnehmer meinten aber: Ziel der tiergestützten Interventionen sei, eine Begegnung zwischen Mensch und Tier/Natur zu ermöglichen und dies meine eben gerade nicht eine Begegnung wie in einem programmierten Videospiel mit festgelegtem Ergebnis, das man sicher erreicht, wenn man nur die richtigen Knöpfe drückt. Man solle den Klienten einen respektvollen Umgang mit den Therapietieren vermitteln und diese müssten nicht alles ertragen, sondern dürfen klar rückmelden, was ihnen gefällt und was nicht. Natürlich müssten die eingesetzten Tiere gelernt haben, ihre Rückmeldung angemessen zu geben so dass ein Pferd nicht unvermittelt austritt und der Hund den Klienten nicht beißt. Besonders in der heutigen digitalisierten, rationalen und funktionalisierten Welt solle doch Therapie und Pädagogik den Weg zum Subjekt vermitteln und den Körper, das Fühlen und die Affekte wertschätzen und das bedeute, dass es ganz okay ist, wenn der Therapiehund bellt falls er sich bedrängt fühlt, denn es ist ein Ausdruck seines subjektiven Empfindens.

Ich finde, beide Positionen haben gute Argumente und es wäre nicht angemessen, der einen Gruppe eine misshandelnde Dressur vor zu werfen und den anderen Kollegen ein unverantwortliches Vorgehen wegen einer möglichen Retraumatisierung zu unterstellen. Es geht wohl eher um ein „sowohl als auch“ – sozusagen das Beste aus beiden Welten.

Insbesondere in der Einzelpsychotherapietherapie können wir auf das Verhalten des Hundes und des Patienten individuell eingehen und die Situation angemessen lenken. Das ist in Gruppensituationen und in anderen pädagogischen und therapeutischen Settings oft nicht so einfach umsetzbar. Solange ich den Patienten noch nicht gut kenne, würde ich ein Anbellen oder Wegknurren tunlichst vermeiden, weil ich nicht weiß, ob dies tatsächlich eine schwere Belastung für den Patienten oder unsere therapeutische Situation wäre. Ein Patient soll sich ja hier bei mir und bei uns sicher fühlen. Ich würde allerdings das Bellen nicht dadurch vermeiden wollen, dass ich meine Hündin Danka darauf trainiere nicht zu bellen, sondern indem ich die Kontrolle der Situation übernehme. Ich kann inzwischen ziemlich sicher einschätzen, welches Verhalten eines Patienten Danka dazu anregt, ihn durch Bellen oder Knurren auf Distanz zu bringen. Also schreite ich bei neuen Patienten früh ein und sorge dafür, dass dies nicht passiert. Andererseits kann ich meine Kontrolle der Situation immer mehr lockern, je besser ich den Patienten kenne. Dann kann es sehr viel Sinn machen, dass der Patient eine unmittelbare klare Reaktion von Danka bekommt und dies kann den Therapieprozess fördern. Es ist ja gerade eine Stärke der hundegestützten Psychotherapie, dass affektmotorische Muster des Patienten in der Begegnung mit dem Hund in Szene gesetzt werden und so bearbeitet werden können. Als Leitfaden halte ich mich an das Motto von Winnicott, dass die Mutter lediglich „gut genug“ sein muss – Missabstimmungen gehören auch in der therapeutischen Beziehung dazu und können die Entwicklung fördern, wenn sie „repariert“ werden. Die Grundlage für eine gute Mutter–Baby Beziehung wie auch für eine gute therapeutische Situation sind dabei gute Abstimmungsprozesse, gegenseitiges Verstehen und wertschätzendes Respektieren des Anderen.

Viele Kinder und Eltern die in meine Praxis kommen gehen zunächst davon aus, dass Danka als Therapiehündin perfekt erzogen ist. Sie sind dann verwundert, wenn sie mitbekommen, dass dies nicht so ist. Insbesondere für Kinder die wegen auffälligen Sozialverhalten in die Praxis kommen bzw. genauer gesagt geschickt werden, ist dies ein wichtiger Punkt. Sie gehen zunächst davon aus, dass der Therapeut ihr Verhalten verändern soll. In ihrer Phantasie ist der Therapeut möglicherweise jemand der Methoden und Techniken der Verhaltenskorrektur kennt und anwenden darf, die die Lehrer und Eltern anscheinend nicht beherrschen. Ein solcher Gedanke kann Angst machen. Vermittelt der Therapeut, dass aus seiner Sicht weder der Hund noch der Patient perfekt erzogen sein muss, sondern vielleicht sogar, dass der Therapeut seinen Hund (und den Patienten?) gerade wegen seinen Eigentümlichkeiten und „Problemen“ liebt, so kann dies sehr entlastend sein und die Atmosphäre im therapeutischen Raum sehr entspannen.

So gesehen schließen sich die beiden oben aufgeführten Positionen keineswegs aus, sondern ergänzen sich hervorragend: Die Begegnung mit Natur und Tier kann positiv (entspannend, anregend, bindungsfördernd, etc.) wirken, gerade wenn die Begegnung authentisches Verhalten und Beachtung des subjektiven Empfindens bei Mensch und Hund einschließt. Wie der Hund auf diese Aufgabe vorbereitet werden kann (und dies meint ein ziemlich umfassendes und intensives Training) wird in kommenden Blogartikel thematisiert.

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1 Kommentare


Andreas Köhnke
Andreas Köhnke
24.12.2018, 00:00

Da kann ich gut mitgehen. Aus dem 'entweder-oder' wird ein 'sowohl-als-auch'. Ich möchte Ihre interessanten Ausführungen um ein Zitat von Kurt Kotrschal (2014, S. 184), dem bekannten Verhaltensbiologen und Bestsellerautor, ergänzen:

"Wenn man etwa meint, man müsse einen angehenden therapiehund in seiner Ausbildung derart 'nieder-habituieren', dass er buchstäblich alles von Kindern oder Erwachsenen erträgt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, dann reduziert man seine Rolle auf die eines lebenden Stofftieres, eines Hundezombies. Mitdenken und soziales Feedback sind dann kaum noch zu erwarten. Es ist daher ok, wenn ein Hund ein zu stürmisches Kind oder einen übergriffigen Erwachsenen durch Rückzug und Vermeiden oder sogar Hochziehen der Lefzen warnt, sofern er dabei zuverlässig genug ist, selbst nicht durch Zuschnappen zu eskalieren. Dazu braucht es einen ruhigen, menschenfreundlichen und selbstsicheren Hund und einen ruhigen, menschenfreundlichen und selbstsicheren Hundeführer."

Kotrschal, K. (2014). Einfach beste Freunde. Wien: Brandstätter.

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