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Die Szene reflektieren - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

02.04.2019

Die Szene reflektieren

von Gerd Ganser

Manche Interaktionen zwischen Patient, Hund und Therapeut entfalten auch ohne weitere kognitive Reflexion eine förderliche Wirkung. Wenn sich der Patient z.B. durch das Streicheln des Hundes entspannt hat und sich dann an den Therapeuten richtet um etwas Wichtiges zu berichten, kann es sinnvoll sein, mit dem Thema des Patienten fortzufahren ohne die Szene mit Hund aufzugreifen. Nicht jede Szene muss versprachlicht werden.

In der Regel werden wir in einer hundegestützten Psychotherapie allerdings das Geschehen früher oder später ansprechen um zu einem gemeinsamen Verständnis der Interaktion zu kommen. Spätestens wenn wir den Eindruck haben, einer der Beteiligten fühlt sich nicht wohl mit dem Kontakt, sollten bzw. müssen wir dies i.d.R. ansprechen. Tun wir dies nicht und lassen konfliktbelastete, evtl. sogar maligne Beziehungsmuster weiterlaufen, so verpassen wir eine wichtige Gelegenheit für therapeutischen Fortschritt und gefährden vielleicht sogar die therapeutische Beziehung.

Während des Ablaufes der Interaktion mit dem Hund haben wir vielleicht schon Kommentare und Reflexionen („reflektierendes Sehen“) eingebracht. Ist die Szene dann soweit abgeschlossen, können wir gemeinsam mit dem Patienten in Ruhe und mit einem gewissen Abstand über das Erlebte sprechen.

Das Reflektieren einer gemeinsam erlebten Szene unterscheidet sich vom Besprechen eines Problems/Themas das der Patient in eine Therapie einbringt.

Dies will ich näher ausführen:

1. Das Erleben, die Wahrnehmung des Patienten erfragen:

Im Anschluss an eine Interaktion können wir den Patienten einfach fragen, wie er das Geschehen erlebt hat, wie er sich gefühlt hat, welche Gedanken er hatte, welche Beobachtungen er gemacht hat, was ihm aufgefallen ist, wie er das Verhalten des Hundes, des Therapeuten verstanden hat, usw. Das Erleben des Patienten zu untersuchen ist uns Psychotherapeuten vertraut und unterscheidet sich zunächst nicht von einem Gespräch in einer Psychotherapie ohne Hund. Wir können im therapeutischen Gespräch alle „Techniken“ einsetzen, die unser jeweiliges psychotherapeutisches Verfahren anbietet. Je nach Alter, psychischer Struktur, Symbolisierungsfähigkeit, Beziehungsqualität zum Therapeuten, etc. kann der Patient im Dialog mit dem Therapeuten seine Gefühle, Gedanken, Intentionen, etc. erkunden und dabei z.B. selber Parallelen/Unterschiede zu seinen Interaktionen mit anderen Menschen entdecken. Häufig haben unsere Patienten aber Schwierigkeiten, sich dem Inneren Erleben zu zuwenden, Gefühle und Gedanken zu symbolisieren und sich achtsam und wohlwollend auf sich selbst zu beziehen. Dies gilt besonders für Kinder und Jugendliche. Wenn auf die Fragen des Therapeuten ein mehr oder weniger freundliches „Keine Ahnung!“ kommt, stehen wir vor der Frage, wie wir dennoch einen therapeutischen Dialog in Gang bringen können. Hier ermöglicht die hundegestützte Psychotherapie ein Gespräch zu eröffnen, in das wir unser eigenes Erleben einbringen können und die Mentalisierungsfähigkeit des Patienten anregen.

2. Das Erleben, die Wahrnehmung des Therapeuten einbringen:

Der Therapeut kann mitteilen wie es ihm in der Interaktion gegangen ist, welche Gefühle er empfand, welche Gedanken er hatte, welche Beobachtungen er machte, was ihm auffiel, wie er das Verhalten des Hundes, des Patienten und sein eigenes Verhalten verstand, etc. Damit lädt er den Patienten ein, mit ihm zusammen das Erleben und die Sicht des Therapeuten zu erforschen. Gemeint ist dabei nicht private Themen oder allgemeine Meinungen des Therapeuten auszubreiten, sondern sich selber als fühlendes, denkendes, erlebendes Subjekt, als mentalisierendes Vorbild einzubringen – als ein Mensch der aus einer anderen Position heraus die gleiche Situation erlebt hat.

Dieses Vorgehen ist zunächst einmal für uns Therapeuten ungewöhnlich und vielleicht auch fremd. Normalerweise geben wir Patienten zwar Rückmeldungen, Deutungen, Spiegelungen, Konfrontationen, etc. Außer bei Beziehungsklärungen bzw. Übertragungsdeutungen, sind diese Rückmeldungen jedoch auf den Patienten bzw. sein Problem bezogen und nicht auf eine gemeinsame Erfahrung. Bringen wir uns, unser Erleben, Denken, Fühlen auf diese Weise in die Therapie ein, so hat dies Konsequenzen. Es verändert die therapeutische Situation, die therapeutische Beziehung und daraus hervorgehende Möglichkeiten und Beschränkungen. An dieser Stelle können die Veränderungen nur stichwortartig angeführt werden:

  • Der Therapeut wird sichtbarer, die Projektionen nehmen ab.
  • Der Therapeut kann Themen und Sichtweisen einbringen, die der Patient nicht angesprochen bzw. nicht wahrgenommen hat.
  • Die Fähigkeiten und Grenzen des Therapeuten (eines Menschen) sich einzufühlen werden sichtbar.
  • Der Therapeut transportiert unvermeidlich seine Werthaltungen und subjektiven Sichtweisen und stellt sie zur Diskussion.
  • Es wird deutlich, dass ein „Dritter“ beteiligt ist, dass triadische Prozesse wirken.
  • Förderung der Mentalisierungsfähigkeit durch Übernahme verschiedener Perspektiven.
  • Erweiterte Möglichkeit „tiefe“, komplexe Reflexionen einzubringen.
  • U.a.

3. Erforschen mehrerer Sichtweisen und unterschiedlicher Positionen im Dialog

Aus didaktischen Gründen und um den gesamten Vorgang zu differenzieren habe ich die beiden ausgeführten Möglichkeiten separat beschrieben. In der Praxis kann es ebenfalls vorkommen, dass es eine ganze Zeit lang ausschließlich um die Sicht eines der Beteiligten geht – z.B. wie hat wohl der Hund die Situation erlebt? Meistens gibt es aber ein Hin und Her, einen Dialog der sich mit einem Inhalt der soeben stattgefundenen Szene beschäftigt. Kam Danka z.B. nur wegen dem Leckerli? Wie könnte Danka dies erlebt haben? Welche Intention hatte sie womöglich? Was dachte/erlebte der Patient dazu? Was der Therapeut? Für den Patienten könnte das Verhalten und die vermutete Motivation von Danka z.B. enttäuschend, ärgerlich, normal oder unverschämt gewesen sein. Dem Therapeuten war das Verhalten des Hundes vielleicht peinlich, er könnte sich aber auch darüber gefreut haben oder die Enttäuschung des Patienten nachempfunden haben, usw. Patient, Hund und Therapeut waren zwar in der gleichen Situation, aber jeder hat sie aus seiner subjektiven Perspektive unterschiedlich erlebt. Die individuelle Deutung der Situation hat jeden der Beteiligten zu seinem Handeln motiviert und sein Handeln hat die anderen wiederum beeinflusst. Das Erkennen und Verstehen dieser Zusammenhänge, Ursachen und Wirkungen fördert die Mentalisierungsfähigkeit – d.h. über sich selbst und andere gut reflektieren zu können.

In der Hundegestützten Therapie bezieht sich der reflektierende Dialog über eine gemeinsam erlebte Interaktion auf ein körperlich agiertes Handeln und nicht (nur) auf einen digitalen Inhalt.

Das bedeutet:

  1. Die Art des „Wissens“ wie soziale Begegnungen ablaufen und reguliert werden, stammt aus dem impliziten bzw. prozeduralem (körperlich, nicht-sprachlichen) Wissen. Dieses prozedurale Beziehungswissen entscheidet über die Fähigkeit, befriedigende Beziehungen führen zu können und ist insofern für jede psychotherapeutische Arbeit relevant. Eine Szene mit dem Hund zu reflektieren eröffnet einen Zugang zu diesen normalerweise nicht bewussten affektmotorischen Mustern.
  2. Der Blick wird auf das „dazwischen“, auf die wechselseitige Beeinflussung gelenkt. So wie man das Verhalten der Ehefrau nicht ohne das Verhalten des Ehemannes verstehen kann, so kann man das Verhalten des Patienten nicht ohne das Verhalten des Therapeuten (in unserem Fall auch des Hundes) nicht verstehen.
  3. Dies hat Auswirkungen auf die Aktivitäten des Therapeuten. Ulrich Streeck (*) meint, dass der Therapeut bei Patienten mit Schwierigkeiten in sozialen Bezügen eine „antwortende“ Beziehung einnehmen soll. „Wie lässt sich prozedurales Beziehungswissen aber dann (da es ja nicht sprachlich-bewusst ist, Anm. G.G.) therapeutisch erreichen? Dazu muss der Therapeut zum Adressaten dieser Mittel (der nicht-sprachlichen Ausdrucksformen des Patienten, Anm. G.G.) werden, mit anderen Worten: Er muss an dem interaktiven Geschehen teilnehmen.“ Und weiter: Der Therapeut „blickt nicht mehr nur wie von außen darauf, sondern seine Perspektive ist die eines Teilnehmers (Zweite-Person-Perspektive). Er kann jetzt gleichsam am eigenen Leib erfahren, wie der Patient soziale Interaktion reguliert und Beziehungen gestaltet, und er kann ihm auf dieser Grundlage in Resonanz auf sein Verhalten „antworten“, indem er eigene Gefühle und Handlungsimpulse selektiv offenlegt, die sich ihm „in Antwort“ auf das Verhalten des Patienten einstellen und eingestellt haben.“ (H.i.O.,S. 59)

Die „Szene zu reflektieren“ unterscheidet sich also erheblich vom Reflektieren eines vom Patienten (i.d.R. sprachlich) eingebrachten Themas! In der Praxis ist es meist günstig nach Beendigung einer Szene zuerst den Patienten zu fragen wie er die Interaktion erlebt hat. Dann kann und sollte sich der Therapeut aber auch einbringen, seine Sicht und sein Empfinden selektiv offenlegen und mit dem Patienten in einen Dialog um das Verstehen eintreten. Dabei hat keiner der Beteiligten einen Anspruch darauf, dass seine Sicht besser oder richtiger ist. Die Aufgabe des Therapeuten besteht nicht in der Bevorzugung oder Durchsetzung seiner Sichtweise. Vielmehr hilft er dem Patienten, das eigene Erleben in Sprache zu bringen und das gemeinsame Mentalisieren zu fördern.

Anregung: Nachdem Sie ihren Patienten nach dessen Erleben gefragt haben, versuchen Sie einmal ihre Wahrnehmung, ihre Gefühle und Gedanken zur Szene zu veröffentlichen und zur Diskussion zu stellen. Vielleicht erweitert dies die Wahrnehmung des Patienten oder er hat mehr Bereitschaft über Ihre Sicht zu sprechen anstatt sich selber zu offenbaren? Wenn Sie dazu neigen die Szene schnell selber zu interpretieren, fragen sie einmal bewusst wie der Patient die Szene erlebt hat ohne etwas vorzugeben.

 

(*) U. Streeck, 2018, Die „antwortende“ therapeutische Beziehung. Zur psychoanalytisch-interaktionellen Methode. In: P. Fiedler (Hrsg.) Varianten psychotherapeutischer Beziehung. Transdiagnostische Befunde, Konzepte, Perspektiven. Pabst-Verlag, Lengerich

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