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Individualdistanz bzw. Intimdistanz - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

05.03.2019

Individualdistanz bzw. Intimdistanz

von Gerd Ganser

Individualdistanz bzw. Intimdistanz ist im Rahmen der hundegestützten Psychotherapie ein wichtiges Thema, da es sich in den Begegnungen bzw. Interaktionen zwischen Patient und Hund häufig inszeniert.

Der Begriff Individualdistanz stammt aus der Verhaltensbiologie und meint „…diejenige Entfernung zu Individuen der gleichen Art, die noch ohne Ausweich- oder Angriffsreaktion geduldet wird.“ Beim Menschen spricht man von Intimdistanz als „…jenen Bereich (Radius), in den sich ausschließlich die von ihm geduldeten Personen nähern dürfen. (…) Menschen mit hohem sozialen Status fordern für sich eine größere Intimzone. Auch an Kindern zeigen sich Statusunterschiede im Abstandsverhalten. Kindern gegenüber ist das Verhalten von Erwachsenen uneinheitlich. Einerseits wird einem Kind eine eigene Intimzone abgesprochen, wenn ihm zum Beispiel ein fremder Erwachsener den Kopf tätschelt; umgekehrt ist es zum Schutz vor Kindesmissbrauch wichtig, dass Kinder lernen, dass sie unerwünschte Berührungen nicht dulden müssen.“ (Zitate: Wikipedia)

Nicht nur wir Menschen, sondern auch unsere Hunde erleben körperliche Nähe sehr unterschiedlich und gehen individuell mit Verletzungen der Individualdistanz um. Meine Hündin Danka z.B. weicht mit dem Kopf aus, geht einen Schritt zurück oder bellt sogar manchmal, wenn ihr jemand unvermittelt zu nahe tritt. Ihre Schwester Dilja, die Hündin meiner Frau, die auch manchmal in meiner Praxis ist, verhält sich in so einer Situation vollkommen anders. Sie erstarrt, bleibt bewegungslos und wartet bis das Streicheln vorbei ist bzw. bis ich eingreife und sie „erlöse“.

Manche Patienten sind ein bisschen beleidigt, ärgerlich, enttäuscht, verletzt o.ä., wenn Danka ausweicht oder ich Dilja aus der Situation befreie. Die Patienten sagen dann manchmal, dass sie doch nur Streicheln wollten. Sie sind sich einer Verletzung der Individualdistanz nicht bewusst. Vielleicht weil sie aufgrund eigener Beziehungserfahrungen kein Empfinden für Nähe und Distanz entwickelt haben oder sich als „ranghöher“ empfinden, als jemand der das Recht hat, den Hund zu Streicheln. So wie manche Erwachsene den Kopf des fremden Kindes tätscheln gehen sie davon aus, dass ein Hund den ungefragten körperlichen Kontakt zu akzeptieren hat.

Stelle ich durch meine Intervention den Abstand zu Dilja wieder her oder macht Danka dies selber, so liegt ein Thema (vielleicht auch ein Konflikt mit mir) auf dem Tisch, welches in der Regel nicht zufällig gerade bei diesem Patienten relevant wird und insofern therapeutisch genutzt werden kann. Ich denke gerade an eine Patientin die von anderen Menschen (Arbeitskollegen, Chefin, u.a.) abgelehnt wird, weil sie als aufdringlich erlebt wird. Sie selber konnte dies nicht nachvollziehen und erklärte sich die Aussagen der Anderen auf ihre spezielle, verzerrte Weise. Dankas Ausweichen war zwar zunächst enttäuschend („Selbst ein Hund mag mich nicht“), dann aber langfristig sehr hilfreich um dieses Thema zu bearbeiten. Natürlich hätte man dieses Thema mit der Patientin auch ohne Hund bearbeiten können, indem man die Reaktionen der anderen Menschen gründlich untersucht oder die Gegenübertragung des Therapeuten einbringt. Die unmittelbar spürbare und erlebbare Interaktion mit meiner Hündin war aber eine große Hilfe, um die hinter dem offensiven Verhalten der Patientin liegenden Minderwertigkeitsgefühle und ihre Abwehr von hilflosen Gefühlen wahrzunehmen und zu erkennen.

Aber nicht nur Menschen verletzen die Individualdistanz der Hunde, sondern manche Hunde verletzen diese auch bei den Menschen/Patienten. Dilja läuft z.B. manchmal zu Patienten und legt ihren Kopf auf deren Schoß. Für einige Patienten bedeutet dieses Verhalten eine Verletzung ihrer Individualdistanz während es andere Patienten zu entzückten Freudenausrufen verleitet. Selbstverständlich helfe ich in diesem Fall dem Patienten, seinen sicheren Abstand wiederherzustellen, wenn er dies nicht selbst schafft bzw. verhindere ich diese Grenzverletzung von vornherein solange ich nicht weiß, ob der Patient damit umgehen kann oder gar getriggert wird. Wenn Patienten sich nicht selbst schützen können, hat dies immer etwas mit ihren inneren Strukturen, mit ihrer Selbstwirksamkeit und nicht selten mit erlebten Grenzverletzungen zu tun. Auch in diesem Fall kommt ein wichtiges therapeutisches Thema in die erlebte therapeutische Szene und kann verstanden und bearbeitet werden. Dabei muss bzw. kann der Therapeut noch nicht wissen, welche individuelle Bedeutung dies für den Patienten besitzt. Angesichts der vielfältigen Möglichkeiten wäre dies überhaupt nicht möglich. Es muss auch nicht sofort die Frage nach dem lebensgeschichtlichen Hintergrund gestellt werden (Kennen Sie die Situation/das Gefühl?). Es geht zunächst einmal darum, diese Szene in den Fokus der Aufmerksamkeit zu nehmen um das Erlebte ins sprachlich Bewusste, in Sagbares zu bringen (reflektierendes Sehen). Im gemeinsamen Dialog kann dann ein Verstehen der Interaktion und der Gefühle erarbeitet werden.

In vielen Psychotherapien sind die Themen um Nähe und Distanz, um Grenzverletzungen und Intimdistanz hoch relevant. Sie werden in einer verbalen Therapie ohne Hund (und wenn keine körpertherapeutischen Techniken oder z.B. psychodramatische/systemische Aufstellungen gemacht werden) sprachlich bearbeitet ohne körperlich spürbar zu werden, obwohl die entsprechenden Erfahrungen meist in der Kindheit körperlich erworben wurden, als affektmotorische Muster gespeichert sind und reinszeniert werden. Üblicherweise gibt es in den Erwachsenentherapien den Handschlag zum Beginn und Ende der Therapiestunde und ansonsten keine körperlichen Berührungen. Oft ist auch der Abstand zwischen den Stühlen/Sesseln festgelegt, wodurch nur sehr eingeschränkt unmittelbare körperliche Erfahrungen von Nähe/Distanz möglich sind.

Ist hingegen ein agierender Therapiehund in der Praxis stellt sich die Frage, ob der Patient ein Leckerli gibt, ob er streichelt, Nähe wünscht oder erträgt, etc. Wie nahe wollen/ertragen Patient und Hund eine körperliche Annährung und was löst dies in Hund und Patient aus? Wie wird der Therapeut als Dritter darin involviert? Wie erlebt er das Thema? Nähe und Distanz und gegebenenfalls die Verletzung der Individualdistanz wird in Szene gesetzt, körperlich spürbar und konkret bearbeitbar. Die Einbeziehung des Hundes bietet eine Chance dieses wichtige Thema körperlich handelnd und unmittelbar spürbar zu bearbeiten. Es lohnt sich dieses Thema aufzugreifen.

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