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Nein-Sagen-Können - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

03.01.2019

Nein-Sagen-Können

von Gerd Ganser

Hundetraining und Hundeerziehung wird oft gleichgesetzt mit dem Erlernen von Kommandos und Gehorsamkeit. Wikipedia definiert (‚Hundeschule‘, 15.12.18): „Der Hund soll im Rahmen der Hundeerziehung das Ausführen verschiedener Kommandos erlernen. Der Hundehalter soll gleichzeitig lernen, diese Kommandos auf eine für den Hund verständliche Art und Weise zu geben.“

Aus meiner Sicht ist dies ein sehr wichtiger Aspekt der Hundeerziehung, denn ein Therapiehund sollte z.B. zuverlässig auf ein Stopp-Signal seine gegenwärtige Aktion unterbrechen können, damit der Therapeut jederzeit die Kontrolle über die Situation behält. Auch andere Fähigkeiten sollte der Therapiehund beherrschen, z.B. auf seiner Decke bleiben, Sitz, Platz, Bleib, Leckerlis vorsichtig aus der Hand nehmen, Sachen abgeben, usw.

Es ist essentiell, dass ein Therapiehund auf seinen Menschen hört, aber dies ist nur ein Aspekt des Hundetrainings. Für einen Therapiehund ist es auch sehr wichtig, dass er die Fähigkeit hat bzw. erwirbt „Nein“ zu sagen. Wenn in der Psychotherapie ein Patient z.B. unangemessen Kontakt zum Hund einfordert, sollte sich der Hund frei fühlen, diesen Kontakt (bzw. die Art und Weise) abzulehnen und die Fähigkeit haben, dies auch zu kommunizieren. Dadurch bekommt der Patient entweder eine unmittelbare persönliche Rückmeldung vom Hund oder der Therapeut kann eingreifen, wenn der Patient das „Nein“ des Hundes nicht versteht oder nicht akzeptiert.

An dieser Stelle könnte man einwenden, dass man einen Hund nie einer Situation aussetzen sollte, in der es für ihn unangenehm ist. Aber kann ich tatsächlich das Geschehen vollumfänglich kontrollieren und das Handeln der Patienten stets voraussehen? Eine Szene/Begegnungssituation entwickelt sich dynamisch und kann unerwartete Wendungen nehmen. 

Weiter könnte man sagen, dass immer der Mensch und nie der Hund die Situation auflösen sollte. Dies setzt jedoch voraus, dass der Hund bereits  erfahren hat, Nein sagen zu dürfen und dass er die Fähigkeit besitzt, dieses Nein auch zu signalisieren.

Wie kann ich das Nein-Sagen-Können des Hundes fördern? Zunächst sollte man sich klarmachen, dass Hunde hoch kompetente soziale Säugetiere sind. Schon seit Wolfszeiten sind sie sowohl darauf angewiesen als auch befähigt, zahlreiche Signale zu senden, um ihr Befinden auszudrücken. Dies dient der Kommunikation und reicht von der Art und Weise den Schwanz zu bewegen und die Haare aufzustellen, über die Gesichtsmimik, die Körperhaltung und –Spannung, den Lautäußerungen bis hin zur Dynamik der Bewegungen und dem Erstarren. Sofern Hunde nicht durch falsches Training in ihrer Ausdrucksfreiheit beschränkt wurden, können Menschen und andere Hunde im Prinzip die momentane Empfindung eines Hundes sehen und verstehen.

Das erste Ziel des Hundetrainings betrifft demnach den Menschen. Er sollte sich intensiv mit den Ausdrucksignalen seines Hundes auseinandersetzen. Hier helfen gute Hundetrainer und einige gute Bücher. Ganz besonders aber hilft das Üben, Trainieren und Spielen mit dem eigenen Hund und zwar mit dem Fokus sich gegenseitig zu verstehen. Bei solchem Spielen/Üben folgt mal der Hund dem Mensch und mal geht der Mensch auf die Vorschläge des Hundes ein. Der Mensch kann dann erkennen, wann er seinen Hund richtig verstanden hat und wann nicht.

Dabei muss der Mensch dem Hund vermitteln, dass er ihn versteht und auf seine Signale reagiert. Hunde kommunizieren normalerweise ständig mit ihrer Umgebung und besonders mit ihrem geliebten Menschen. Wenn der Hund jedoch den Eindruck hat, dass der Mensch ihn einfach nicht versteht, so wird er zunächst versuchen, sein Signal deutlicher und eindeutiger zu setzen. Signale die langfristig nicht verstanden werden, wird der Hund dann früher oder später nicht mehr zeigen oder sie laufen ins Leere wie z.B. ein anlassloses und beständiges Bellen, das seinen Signalcharakter verloren hat. Ziel des Hundetrainings wäre hier, dass der Mensch auf kleine, feine, frühe Signale des Hundes achtet und darauf reagiert. Dies bedeutet nicht, dass der Mensch immer dem Wunsch des Hundes entspricht! Die Hauptsache ist zunächst, dass der Hund das Bemühen des Menschen erkennt, ihn zu verstehen. Dann wird er weiterhin versuchen, sich verständlich zu machen.

Ein paar Beispiele:

Beim Spaziergang kommt uns ein anderer unbekannter Hund entgegen. Danka duckt sich, wird langsamer und bleibt schließlich stehen. Wenn wir nicht gerade mitten auf der Straße stehen, akzeptiere ich das und spreche das auch aus. Am Tonfall erkennt Danka, dass ich ihr Verhalten verstehe und billige. So warten wir gemeinsam auf den entgegenkommenden Hund.

In der Praxis will ein neuer Patient geradewegs auf Danka zugehen, die auf ihrer Decke am Ende des Raumes liegt. Sie hebt den Kopf und fängt an zu „Grummeln“, sagt also „Nein“. Ich akzeptiere auch dies, stelle mich zwischen Danka und dem neuen Patienten und erkläre, dass Danka noch Zeit braucht aber später vielleicht zu ihm kommen wird.

Danka kommt mit einem ihrer Kuscheltiere zu mir. Ich versuche es aus ihrem Maul zu nehmen, aber sie lässt nicht los. Manchmal lässt sie los und manchmal nicht. Ich akzeptiere ihr Festhalten und deute die Situation so, dass sie mir ihr Kuscheltier zeigen (und nicht geben) will und bestätige sie in ihrem Verhalten. Sie darf Nein sagen – diesmal bekomme ich das Kuscheltier nicht. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wenn ich darauf bestehe, gibt Danka mir alles was sie im Maul hat (z.B. auch die draußen gefundene Wurst). Aber ich verstehe nicht jedes eigenständige Verhalten und jedes „Nein“ meines Hundes als Machtprobe. Eine früher weitverbreitete Sicht auf den Hund behauptete, dass Hunde und Wölfe nur danach streben „Alpha“ zu werden, weshalb der Mensch diese Position einnehmen und verteidigen müsse indem er immer und überall führt. Diese These ist inzwischen durch die moderne Wolfsforschung widerlegt.

Ich habe oben geschrieben, dass der Hund lernen soll „angemessen“ Nein zu sagen. Ein Therapiehund muss wissen, dass er weder schnappen noch beißen darf und auch keinen Menschen „stellen“ soll und darf. Dies wäre kein akzeptables Verhalten und kein „angemessenes“ Nein. Wenn sein Mensch auf frühe Signale reagiert, braucht ein Hund solch ein Verhalten auch nicht zu zeigen. Es gehört zu den Aufgaben des Therapeuten, seinen Hund und dessen Signale zu verstehen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass Ausdruckssignale nicht nur von Rasse zu Rasse unterschiedlich sind sondern auch sehr individuell genutzt werden. Das Aufstellen der Haare ist bei manchen Hunden ein wirklich bedrohliches Signal, bei anderen Hunden ist es eher ein früh gezeigtes Signal von Erregung. Auch was das Knurren betrifft, existiert eine große Bandbreite an individuellen Bedeutungen. Bei manchen Hunden ist es die letzte Warnung, bei manchen Hunden kommen noch weitere Signale bevor es ernst wird. Bellen kann ein Ausdruck von Aggression oder auch Spielaufforderung sein. Grundsätzlich kann das Befinden eines Hundes nicht an einem einzelnen Signal festgemacht werden. Der Gesamtausdruck und die Situation müssen berücksichtigt werden.

Resümee: Ein Therapiehund darf und soll angemessen Nein-Sagen. Damit er dies lernt bzw. damit seine natürliche Fähigkeit dazu nicht eingeschränkt bzw. verlernt wird, muss der Mensch in die „Hundeschule“ - also bei seinem Hund zur Schule gehen.

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2 Kommentare


Andreas Köhnke
Andreas Köhnke
16.01.2019, 00:00

Ganz ähnlich sieht das die Psychotherapeutin Anna Steinhausen-Wachowsky. Sie hebt hervor, dass die Authenzität des Hundes der Therapie den entscheidenden Mehrwert gibt. Ein "guter" Therapiehund solle u. a. fähig sein, sich abzugrenzen. Der Therapiehund müsse nicht immer das klassische "Streicheltier" sein. Zu der Authenzität gehöre auch, dass der Hund seine Abneigung gegen einen Patienten zeigen darf und sich daher auch mal zurückziehen oder abweisend reagieren kann.

Steinhausen-Wachowsky, A. (2018). Tiergestützte Psychotherapie. Wirkursachen, Wirkmechanismen und Wirkweisen.
VPP aktuell 42.
www.vpp-aktuell.de/pdf/VPPaktuell-Heft42-Steinhausen-Wachowsky_Tiergestuetzte-Psychotherapie_Langfassung.pdf

Claudia Müller
Claudia Müller
04.01.2019, 00:00

Ist mir aus der Seele geschrieben. Ich arbeitet hauptberuflich mit 22 Therapiebegleithundeteams (Bei uns Sozialhundeteams genannt). Einer der wichtigsten Aspekte ist es für uns, den Hund zu lesen und zu akzeptieren, wenn er nein sagt.. Lieben Gruss. Claudia Müller

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