IHPt BLOG

Polizisten und Zöllner - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

21.06.2019

Polizisten und Zöllner

von Gerd Ganser

Der Zoologe Dr. Udo Ganslosser und die Hundetrainerin Mechtild Käufer berichten in ihrem sehr lesenswerten Buch: Auszeit auf Augenhöhe. Mensch-Hund-Spiel: Kleiner Einsatz mit großer Wirkung; Kosmos, 2017, von einer interessanten Untersuchung (S. 24):

Die gegensätzlichen Effekte von Spiel und Verhaltenskontrolle hat die Budapester Forschungsgruppe um Adam Miklósi herausgefunden. Zwei unterschiedliche Berufsgruppen – Zöllner und Polizisten – spielten mit ihren Diensthunden. Sie taten das auf sehr unterschiedliche Weise. Die Polizisten reglementierten den Hund ständig, sie lobten und tadelten ihn, kontrollierten also sein Verhalten im Spiel permanent und streng. Die Zöllner waren dagegen sehr freundlich, liebevoll und spielerisch im Umgang mit ihren Hunden. Das Ergebnis überrascht nicht. Die Hunde der Polizisten erlebten die gemeinsame Interaktion nicht als Spiel, sie waren gestresst, d.h. ihr Cortisol war nach dem Spiel erhöht, während die Hunde der Zöllner einen verringerten Cortisolwert hatten – was man nach einem Spiel auch erwartet. Die permanente Kontrolle im Spiel, die dem Hund keinerlei Freiraum lässt, führt dazu, dass der Hund das Spiel nicht mehr als Spiel erlebt.

Unter dem Aspekt Tierschutz und Tierwohl wird in der tiergestützten Therapie und Pädagogik oft und zu Recht über die Belastung der eingesetzten Tiere diskutiert. Um den Stress der Tiere gering bzw. in einem angemessenen Rahmen zu halten, gibt es die Idee, die Einsatzzeit zu begrenzen. Ein Beispiel: In Österreich wurde das Messerli Institut beauftragt, die Ausbildung und den Einsatz von Therapiehunden zu kontrollieren und zu reglementieren. In den Richtlinien heißt es:

Um den Hund vor Überforderung zu schützen, ist die Einsatzhäufigkeit für ausgebildete und geprüfte Teams mit einem pro Tag, 2 und in Ausnahmefällen 3 Einsätze pro Woche (1 aktiver Einsatz = max. 45 Minuten), jedoch nicht mehr als 8 Einsätze pro Monat zu begrenzen. Der Ausbildungsverein/die Ausbildungsstätte ist verpflichtet, bei Kenntnis von zu häufigen und/oder zu langen Einsätzen dies der Prüf- und Koordinierungsstelle des Messerli Forschungsinstituts bekannt zu geben und vorhergehend die Teams diesbezüglich aufzuklären. (Quelle)

Aus meiner Sicht setzt dieser Versuch, unsere Hunde durch eine Begrenzung der Einsatzzeit zu schützen, am falschen Hebel an. Es kommt nicht darauf an, wie lange ein Hund eingesetzt wird, sondern wie er eingesetzt wird.

Wird ein Hund während der Therapie permanent kontrolliert, reglementiert und in seiner Freiheit beschränkt sich auszudrücken (s. „Spiel“ der Polizisten), dann können bereits 45 Minuten viel zu lang sein. Da hilft dann auch keine lange Regenerationszeit. Der Hund wird die Arbeit als Stress erleben und sich über kurz oder lang wehren, sich entziehen oder abstumpfen und sein natürliches Ausdrucksverhalten verlieren. Kommt es in der hundegestützten Psychotherapie zu Interaktionen, die den Hund unter Stress setzen (und natürlich kommt dies vor), dann sollten die Psychotherapeut*innen unmittelbar eingreifen, den Hund, die Patient*innen und den therapeutischen Raum schützen und genau dies zum Thema machen. Niemand sollte vermeidbarem Distress länger als unbedingt notwendig ausgesetzt sein – weder Mensch noch Hund. Hier haben wir als Therapeut*innen sowohl eine Vorbildfunktion als auch eine Verpflichtung Stellung zu beziehen.

Auf der anderen Seite gibt es schöne, spielerische Szenen in der Therapie, die den Hund nicht stressen, sondern Spaß machen, den Hund positiv anregen und entspannen. Wie beim Spiel der Zöllner in der o.g. Untersuchung könnte man wahrscheinlich messen, dass der Cortisolwert des Hundes nach diesen Interaktionen gesunken ist. Warum sollte man dies auf 2 Einsätze in der Woche beschränken? Warum sollte man eine jahrelange Ausbildung absolvieren und viele tausend Euro investieren um dann den ausgebildeten Therapiehund bei nur 2 Patient*innen (die wöchentlich kommen) einzusetzen, wenn die Ausbildung die Therapeut*innen befähigt, Interaktionen zu gestalten, die Hund und Mensch Spaß machen und nicht belasten?

Um unsere Hunde zu schützen sollten wir unsere Praxis kritisch betrachten und uns mit dem Ausdrucksverhalten von Hunden auseinandersetzen um Beschwichtigungs- bzw. Stresssignale erkennen zu können. Wir sollten uns fragen, wie stark wir unseren Hund reglementieren und eingrenzen. Wieviel Freiheit hat der Hund sich auszudrücken und z.B. auch distanzerhöhende Signale (Weggehen, Bellen, evtl. Knurren) zu zeigen? Werden in der Therapie lediglich erlernte, kontrollierte „Spiele“ durchgeführt? Hat der Hund wirklich Freude am Tun oder erfüllt er lediglich gehorsam seine erlernte Aufgabe?

Der Therapeut oder die Therapeutin sollte die Verantwortung für den Einsatz des Hundes selber übernehmen und sich nicht durch eine scheinbar objektive Vorgabe wie eine Zeitdauer vermeintlich entlasten. Als Argument für eine objektive Reglementierung durch die zeitliche Begrenzung wird manchmal angeführt, dass der Blick auf den eigenen Hund durch den Wunsch ihn einzusetzen und durch eine allzu große Nähe getrübt sein kann. Dies kann durchaus sein. Mein Vorschlag an dieser Stelle ist, die Therapeut*innen zu ermutigen, ihre Arbeit mit Fachkolleg*innen an zu sehen und z.B. mit Hilfe von Videos zu reflektieren, denn es kommt nicht auf die Dauer eines Einsatzes an, sondern auf die Qualität.

Zum Schluss noch eine Einschränkung: In der hundegestützten Psychotherapie haben wir oft die luxuriöse Situation, dass wir mit den Patient*innen und unserem Hund alleine oder in kleinen Gruppen arbeiten, das Geschehen jederzeit im Auge haben und eingreifen können. Die Situation ist meist beherrschbar und übersichtlich. Dies ist in anderen Einsatzgebieten nicht so einfach. Ich würde den Einsatz eines Hundes z.B. in einer Kindergartengruppe, Heimgruppe oder Schulklasse zeitlich begrenzen. Der unvermeidbare Lärmpegel, die Komplexität der Interaktionen und die schiere Menge von Eindrücken die auf den Hund wirken, ist für den Hund belastend, selbst wenn die Therapeut*in oder Pädagog*in bestmöglich handelt. Wenn man Richtlinien entwerfen will, dann müsste das Einsatzfeld unbedingt berücksichtigt werden. Eine pauschale Zeitbeschränkung ist auch aus diesem Grund nicht zielführend.

...

Diesen Artikel teilen

0 Kommentare


Kommentar schreiben * Pflichtangaben