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Problemaktualisierung - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

12.05.2019

Problemaktualisierung

von Gerd Ganser

Nach Grawe ist ein gemeinsamer Wirkfaktor aller Psychotherapien, dass die Probleme die in der Therapie verändert werden sollen, unmittelbar erfahrbar gemacht werden. Auf der Basis einer guten, stützenden therapeutischen Beziehung und einer Aktivierung der Ressourcen des Patienten kann sich dieser mit seinem Problem auseinandersetzen. Die unmittelbare Erfahrung des Problems kann z.B. durch Imaginations- und Spürübungen, durch Rollenspiele, Aufstellungen, Schemaaktivierungen, Expositionen oder auch durch eine Reaktivierung in der Übertragungsbeziehung gefördert werden. Jedes psychotherapeutische Verfahren hat hier seine speziellen Methoden, die es einsetzt um das Problem spürbar zu machen.

Bevor aber eine „Methode“ eingesetzt werden kann, muss der Therapeut mit dem Patienten erarbeiten, was überhaupt das „Problem“ ist. Aus der reinen Beschreibung der Symptome, folgt meist noch nicht unmittelbar, welches das dahinterliegende „Problem“ des Patienten ist. Was der Therapeut als das „Problem“ des Patienten versteht (symptomaufrechterhaltende Verhalten, Lernerfahrung, blockierte Selbstaktualisierung, pathologische Konflikte, Neurosenstruktur, etc.) ist vom psychotherapeutischen Ansatz des Therapeuten abhängig.

Die hundegestützte Psychotherapie ist kein eigenständiges psychotherapeutisches Verfahren, dass eine eigene Theorie für die Problemdefinition und den therapeutischen Prozess anbietet, vielmehr eine Methode, die ein psychotherapeutisches Verfahren erweitert. Wir konfrontieren den Patienten mit einer besonderen Situation: Der Patient trifft nicht nur auf einen Menschen der mit dem Patienten zusammen in Sessel sitzend sein Problem bespricht, sondern im Raum ist auch noch ein Hund und der Therapeut animiert den Patienten Kontakt aufzunehmen und in eine körperlich handelnde Begegnung einzutreten. Der Patient kann und muss sich zu dieser Situation verhalten.

Diese „Begrüßungssituation“ ist das zentrale diagnostische Instrument der hundegestützten Psychotherapie. Aus dieser „freien Begegnung“ schließt der Therapeut auf Probleme und Ressourcen des Patienten. Da diese Begegnung körperlich handelnd ausgeführt wird entsteht eine „Szene“ die zeigt wie der Patient auf der körperlich handelnden Ebene die Beziehung zum Hund und zum Therapeut herstellt und reguliert. Mit anderen Worten: Der Patient zeigt seine affektmotorischen Muster, seine Art und Weise Beziehungen (in diesem Moment zu diesen Subjekten) einzugehen viel umfassender als im üblichen bewegungsarmen dyadischen „Sesselsetting“.

Ein Beispiel: Danka holt normalerweise gerne ihr Kuscheltier und bringt es den Patienten um es gegen ein Leckerli einzutauschen. Bei einem 21-jährigen magersüchtigen jungen Mann (* Beispiele die ich im Internet veröffentliche sind nie konkrete Personen, sondern aus meiner Erfahrung gebildete hypothetische Personen) läuft sie auf seine Aufforderung zum Kuscheltier, nimmt es auf, bleibt aber auf halben Weg zum Patienten stehen und traut sich nicht weiter. Der Patient ruft und lockt aber Danka bleibt auf Abstand, legt sich mit dem Kuscheltier im Maul hin und sieht den Patienten nur an. Je nach therapeutischer Schule können unterschiedliche diagnostische Einschätzungen aus dieser Szene gewonnen werden. Eine empathische Perspektive würde vielleicht die Hemmung/Angst bei Danka sehen und die Enttäuschung/Wut beim Patienten. Man könnte auch die unbewusste und ungewollte Identifizierung mit dem aggressiven Vater des Patienten erkennen oder das aktivierte Schema welches dafür sorgt, dass der Patient keine Zuneigung und Liebe erhält. Vielleicht wäre dieser Vorgang auch eine Wiederholung eines familiären Musters oder auch z.B. ein interpersonelles Muster, dass sich in der Schule mit Gleichaltrigen wiederholt. Aus einer triadischen/systemischen Sicht ist möglicherweise die unbewusste Angst des Therapeuten vor der Aggression des Patienten ausschlaggebend für das Verhalten von Danka etc.

In der hundegestützten Psychotherapie nutzen wir unsere verfahrensspezifischen Denkmodelle um die „freie Begegnung“ zu verstehen und diagnostisch zu nutzen. In der ersten Zeit versuchte ich eine objektive Diagnose zu erarbeiten. Ich nutzte Fragebögen und Diagnoseschema zur Ermittlung von interpersonellen Mustern (z.B. aus OPD) und übertrug diese auf unsere Situation. Dies blieb aus mehreren Gründen unbefriedigend. Es zeigte sich, dass sich ganz andere Szenen entwickelten, je nach dem mit welchem Hund ich arbeitete. Es konnte also nicht gesagt werden, dass der Patient auf einen Hund so oder so reagiert, sondern er reagiert auf diesen speziellen Hund so und auf einen anderen Hund anders. Die Hunde wiederum agierten nicht spezifisch auf menschliche Diagnosen oder Einteilungen. Noch wesentlicher war die Erkenntnis, dass der Versuch einer objektiven Problem- oder Musterbeschreibung den Therapeuten und seinen Einfluss ausblendet. Gerade die gefühlsmäßige Reaktion des Therapeuten auf die Szene ist aber entscheidend, denn der Hund reagiert stark auf die Gefühle seines vertrauten Herrchens.

Mit der methodischen Weiterentwicklung der hundegestützten Psychotherapie und insbesondere mit der Anwendung des „reflektierenden Sehens“ zeigte sich, dass jeder Therapeut automatisch seine Sichtweise einbringt und entsprechende reflektierende Äußerungen schon während der Szene äußert, die weit entfernt von objektiven Beschreibungen sind. Die vom Therapeuten verbalisierten Aspekte beeinflussen den weiteren Verlauf der Szene und auch Reflexionen, die mit dem Patienten nach einer Szene erarbeitet wurden, verändern die Interaktionen beim nächsten Kontakt. Es ist also unvermeidlich und gleichzeitig gewollt, dass wir keine objektive Problemdefinition, sondern ein intersubjektives Verständnis und mit dem Patienten erarbeiten.

Bei aller Subjektivität handelt es sich um Begegnungen von sozialisierten Subjekten und Säugetieren so dass bestimmte Themen immer eine Rolle spielen. Einige Beispiele:

  • Nähe, Distanz, Intimdistanz
  • Kontrolle, Macht, Aggression
  • Angst
  • Selbstwirksamkeit
  • Bindung
  • Stress, Entspannung
  • Dyade, Triade, Polyade
  • Vitalitätsform
  • Sexualität

Diese allgemeinen Themen können den Dialog über das Verständnis der Szene anregen. Ist die Szene dyadisch oder triadisch? Wer ist selbstwirksam oder hat Macht? Wieviel Anspannung und Stress oder auch Bindung und Entspannung ist spürbar und relevant? Bei der Beantwortung dieser Fragen könnte ich bei dem obigen Beispiel z.B. zu der Auffassung kommen, dass der „Dritte“ im Bunde (der Therapeut) durch seine Angst eine harmonische Begegnung zwischen Hund und Patient verhindert und dass der Patient seine Aggression nicht spürt, diese aber wirksam ist. Dies wäre dann eine „Problembeschreibung“ mit der sich weiterarbeiten lässt.

Man kann an diesem Punkt natürlich seine je übliche Technik einsetzen und mit dem Patienten darüber sprechen, wie er zu diesem Muster gekommen ist. Man könnte die beteiligten Ich-Anteile in einen Stuhldialog bringen, familiäre Zusammenhänge ansprechen/aufstellen etc. Es gibt aber auch die Möglichkeit, mit dem Patienten zusammen zu überlegen ob man alternative Verhaltensweisen unter Einbeziehung des Hundes experimentell ausprobiert oder das Erleben in der Szene vertieft und mentalisiert. Hier braucht der Therapeut Kreativität und wenn möglich Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die auch hundegestützt arbeiten. Mit der Zeit entsteht so ein „Pool“ an Ideen der genutzt werden kann. Zwei Beispiele:

Ein hyperaktives Kind und seine Mutter streiten oft und destruktiv. Ich schlage vor, dass wir uns alle zusammen auf den Teppich setzen mit dem Wunsch/Aufgabe gute 5 Minuten miteinander zu verbringen. Für Danka gibt es 6 Leckerli, für die Menschen 6 Schokobonbons. Wie kann das gehen? Der Patient versuchte verzweifelt/erfolglos zu bestimmen und die Mutter versuchte verzweifelt/erfolglos ihn zu begrenzen. Das war die typische Situation zu Hause. Sie war embodied in Szene gesetzt – das Problem aktualisiert. In diesem Fall wurde eine Lösung für diese Situation gefunden wobei nicht die konkrete Lösung wichtig war, sondern der Weg, gemeinsame Dialog.

Eine sehr versorgende Mutter füttert Danka in der Begrüßungsszene schnell und viel. Das ist der Mutter vertraut und sie erkennt dies als Muster bei ihrem Verhalten ihren Kindern gegenüber. Experiment: In der nächsten Stunde füttert sie Danka nicht sofort, sondern achtet darauf welche Gefühle in ihr aufsteigen, wenn sie diese Zuwendung zunächst verweigert. Sie spürt den inneren Druck und die Erlösung, wenn sie dann füttert. Gleichzeitig ist ein innerer Kritiker spürbar, der sagt, sie solle nicht so verwöhnen.

Zwei Anmerkungen:

Aus meiner Sicht sollten Experimente immer ergebnisoffen gestaltet werden. Der Hund ist kein Objekt um dem Patienten etwas beizubringen. Es ist kein „Training“ z.B. der Selbstwirksamkeit oder Angstbewältigung. Das Experiment ist keine Methode „um zu“ einem bestimmten Ergebnis zu kommen sondern „indem“ wir ein bestimmtes Experiment machen, kann es zu neuen Erfahrungen kommen. Diese können in dem Moment schön, beglückend und angenehm sein aber auch frustrierend und belastend. Würden wir versuchen frustrierende Erfahrungen auszuschließen, müssten wir den Hund auf ein Objekt reduzieren. Würde der Hund z.B. darauf trainiert, alle Befehle des Patienten zuverlässig auszuführen, so wäre dies auch keine Selbstwirksamkeitserfahrung für den Patienten denn dieser bemerkt natürlich, dass der Hund entsprechen trainiert ist und nicht wegen seiner Autorität die Befehle ausführt.

Das wir mit der Integration des Hundes ein Problem szenisch erlebbar machen können ist nur eine Seite. Mindestens genauso wichtig wie die Problemaktualisierung ist die Ressourcenaktivierung. Der Patient würde schnell den Spaß an dem Kontakt mit dem Therapiehund verlieren, wenn immer nur seine Schwächen, Unfähigkeiten und Problemen in Szene gesetzt würden. Dies wäre einseitig und eher frustrierend und schwächend für den Patienten. In einem weiteren Artikel werde ich mich mit der Frage beschäftigen, wie die Stärken und Ressourcen eines Patienten in der hundegestützten Psychotherapie aktiviert und mentalisiert werden können.

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