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Reflektierendes Sehen - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

15.02.2019

Reflektierendes Sehen

von Gerd Ganser

In diesem Artikel geht es um eine für die hundegestützte Psychotherapie essentielle therapeutische Technik, die ich „reflektierendes Sehen“ nenne. Der Begriff ist eine Übertragung des bekannten „aktiven bzw. reflektierenden Zuhörens“ wie er in den humanistischen Verfahren gebräuchlich ist.

Psychotherapien und andere Settings (Coaching, Interview, Pädagogik) nutzen häufig zwei Gesprächstechniken:

1. offene oder (halb) geschlossene Fragen

2. aktives bzw. reflektierendes Zuhören

„Fragen“ und „Zuhören“ ergänzen sich im Gespräch, haben aber unterschiedliche Funktionen und Wirkungen auf den Gesprächsverlauf:

Fragen laden den Patienten dazu ein, über etwas nachzudenken oder Auskunft zu geben. Therapeuten erkundigen sich nach Gefühlen, Gedanken, Empfindungen, Überzeugungen und sie fragen nach Ereignissen und Erlebnissen des Patienten, die meist außerhalb der aktuellen therapeutischen Situation stattgefunden haben. Es ist eine Informationserteilung oder Reflexion, die zwar möglicherweise hier und jetzt starke Gefühle auslöst, die sich aber meistens auf ein Erleben des Patienten außerhalb der gegenwärtigen Situation bezieht. Das „Problem“ des Patienten wird besprochen. Seltener wird nach dem Hier und Jetzt, also der aktuellen therapeutischen Situation und (Übertragungs-) Beziehung gefragt.

Mit dem aktiven bzw. reflektierenden Zuhören will der Psychotherapeut den Patienten ermuntern und unterstützen, weiter zu sprechen und das Gesagte zu vertiefen. Der Patient kann so seine Gedanken und Gefühle erforschen, sich selbst besser kennen lernen, die Selbstexploration vorantragen, sein Problem genauer verstehen, etc. Das aktive Zuhören des Therapeuten vermittelt Empathie, Dabeisein, Interesse, Verständnis. Eine Psychotherapie ohne aktives/reflektierendes Zuhören ist für mich nicht vorstellbar denn es geht beim therapeutischen Dialog schließlich nicht um eine reine Informationsvermittlung.

In der hundegestützten Psychotherapie nutzen wir ebenfalls Fragen, wenn wir mit dem Patienten über eine Szene sprechen, die wir gemeinsam mit dem Hund erlebt haben. Wir fördern und vertiefen durch reflektierendes Zuhören das Mentalisieren des Patienten. Dabei sprechen wir über eine gemeinsame Erfahrung, die in der (möglicherweise nahen) Vergangenheit stattgefunden hat.

Bei der Psychotherapie mit Hund können wir aber nicht nur im Nachhinein über die Szene nachdenken, sondern wir haben darüber hinaus die Möglichkeit, das Geschehen bereits in Sprache zu bringen während die Szene vor sich geht bzw. sich entwickelt. Dabei beziehen wir uns nicht vorwiegend darauf was der Patient „sagt“, sondern darauf, was wir „sehen“ - wobei das Gesagte/Gefühlte/Gerochene selbstverständlich eingeschlossen ist. Aus diesem Grund passt der Begriff „reflektierendes Zuhören“ für diesen Vorgang nicht – es ist eher ein „reflektierendes Sehen“.

Der Begriff „reflektierendes Sehen“ meint somit, dass der Therapeut das, was er aktuell sieht und unmittelbar miterlebt, reflektierend äußert. Ziel dieser Äußerung ist erstens das aktuelle Geschehen ins Mentale zu bringen und zweitens dabei gleichzeitig die Weiterführung und Vertiefung des gerade vor sich Gehenden zu unterstützen.

Reflektierendes Zuhören nach Miller/Rollnick

Bevor wir uns dem reflektierenden Sehen in der hundegestützten Psychotherapie detaillierter zuwenden, möchte ich zunächst auf das reflektierende Zuhören eingehen. Ich beziehe mich dabei auf Miller/Rollnick (Motivierende Gesprächsführung, Lambertus, 2015) die das reflektierende Zuhören als eine zentrale Technik für die Motivierende Gesprächsführung betrachten:

„Im Wesentlichen geht es bei einer Entgegnung im Sinne des reflektierenden Zuhörens darum, eine Vermutung zu formulieren, was die betreffende Person mit ihrer Aussage meinen könnte.“ (ebd. S. 73)

„Reflektierendes Zuhören ist eine Methode, eine Vermutung lieber zu überprüfen, als einfach davon auszugehen, schon alles richtig verstanden zu haben.“ (ebd. S.75)

Der Therapeut sollte sich demnach im Klaren sein, dass er eine Aussage des Patienten immer deuten muss. Ob der Patient genau das meint, was der Therapeut verstanden hat ist zunächst nicht sicher. Dadurch, dass der Therapeut sein Verständnis äußert, fühlt sich der Patient entweder gut verstanden oder er kann den Therapeuten korrigieren und so zu einem besseren gemeinsamen Verstehen kommen. Der Therapeut sollte seine Äußerungen nicht als Frage formulieren, weil Fragen einen Aufforderungscharakter haben und häufig dazu führen, dass der Patient seine Selbstexploration unterbricht und sich dem Therapeuten zuwendet. Beim reflektierenden Zuhören werden die Äußerungen aus einer interessierten, fragenden Haltung heraus gesprochen, ohne eine direkte Reaktion oder Antwort zu intendieren.

Miller/Rollnick unterscheiden unterschiedliche Reflexionstiefen: Vom einfachen auch wörtlichen Zurückspiegeln des Gesagten bis zur tieferen/komplexeren Reflexion, bei der der Therapeut über das Gesagte hinausgeht und den Gedanken des Patienten fortführt.

Ein Beispiel von Miller/Rollnick (ebd. S. 79, 80):

Klient: „Ich fühle mich heute ziemlich deprimiert.“

Einfache Reflexionen des Therapeuten:

„Sie fühlen sich deprimiert.“

„Sie fühlen sich irgendwie niedergeschlagen.“

„Ziemlich deprimiert…“

Komplexe Reflexionen:

„Es ist etwas geschehen, seit wir uns das letzte Mal unterhalten haben.“

„Ihre Stimmung ging in den vergangenen Wochen rauf und runter.“

„Sie sehen aus, als hätten Sie nicht viel Energie.“

Zwischen einfachen und komplexen Reflektionen liegen zahllose Zwischenschritte. Welche Reflexionstiefe soll man anwenden?

„Einfache Reflexionen können nützlich sein, aber man kommt damit tendenziell nur langsam voran. Kommen Sie nicht voran oder scheinen Sie sich im Kreis zu drehen, liegt es möglicherweise daran, dass Sie sich zu sehr auf einfache Reflexionen verlassen, sich zu genau an das halten, was die Person gesagt hat. Eine komplexe Reflexion fügt dem, was der Klient gesagt hat, andere Bedeutungsaspekte hinzu oder setzt andere Schwerpunkte, indem sie eine Vermutung anstellt über das, was unausgesprochen mitschwingt oder als Nächstes kommt (also den Gedanken fortführt).“ (ebd. S.79)

 

Reflektierendes Sehen in der hundegestützten Psychotherapie

Zunächst möchte ich festhalten, dass das reflektierende Zuhören und das reflektierende Sehen ähnliche Anliegen teilen: Es geht darum „etwas“ zu verstehen und das „Dranbleiben“ zu fördern. Das zu verstehende „etwas“ ist beim reflektierenden Zuhören ein vom Patienten verbal geäußerter Inhalt und beim reflektierenden Sehen die aktuelle Szene bzw. die gegenwärtige Interaktion zwischen Hund und Patient und gegebenenfalls Therapeut. Das „Dranbleiben“ zu fördern meint beim reflektierenden Zuhören, das Gespräch zu vertiefen und beim reflektierenden Sehen meint es die Weiterentwicklung der Szene mit Hund zu unterstützen.

Ein Beispiel:

Danka geht, nachdem sich der Patient auf seinen Stuhl gesetzt hat, zu ihm hin. Der Patient wendet sich Danka zu und streichelt ihr den Kopf.

Der Therapeut kann nun das was er sieht eher einfach oder auch komplex reflektieren. Eine einfache Reflexion wäre: „Sie streicheln Danka den Kopf.“ Etwas komplexer könnte er sagen: „Sie streicheln (vorsichtig, zärtlich, heftig, achtsam, liebevoll, …) Dankas Kopf.“ Noch komplexer bzw. weiterführender wäre die Äußerung: „Sie genießen gerade die Zärtlichkeit, die Sie geben können.“ Welche Reflexionstiefe angemessen ist, ist natürlich von der jeweiligen Situation, der Beziehung, dem Kontext etc. abhängig und die Wirkung ist auch vom Ton der Aussage, vom vermittelten Subtext, von der dahinterliegenden Haltung des Therapeuten abhängig. Je nachdem kann die Aussage des Therapeuten vom Patienten als unterstützend, banal, störend, entlarvend, verstehend, kritisierend, einfühlsam, etc. verstanden werden.

Das reflektierende Sehen hat zwar ähnliche Anliegen wie das reflektierende Zuhören (s.o.), es unterscheidet sich aber in wichtigen Aspekten.

Unterschiede zwischen reflektierendem Zuhören und reflektierendem Sehen:

1. Komplexität: Beim reflektierenden Sehen spricht der Therapeut eine Szene und Verhalten an, was naturgemäß viel komplexer ist als ein geäußerter Satz. Vielleicht kann man sich relativ schnell mit einem Patienten einigen, was ein bestimmter Satz für ihn bedeutet. Eine gehandelte Szene ermöglicht aber zahlreiche Perspektiven der unterschiedlichen Akteure mit deren Gefühlen, Gedanken, Erleben sowie das systemische Zusammenspiel aller Beteiligten. Man kann eine Szene unmöglich „richtig“ verstehen, sondern sich nur mit dem Patienten auf ein gemeinsames Mentalisieren einlassen. Dies entlastet den Therapeuten vom Anspruch wissen zu müssen und fördert die Mitarbeit und das Erleben von Selbstwirksamkeit beim Patienten und verhindert ungute Machtgefälle.

2. Informationen: Berichtet der Patient über Ereignisse aus seinem Leben die außerhalb der therapeutischen Situation stattgefunden haben, so ist der Therapeut ganz auf die Informationen des Patienten angewiesen. Er hat keine eigenen Informationen, die hinzukommen könnten. Der Therapeut kann nicht wissen, ob z.B. der Chef des Patienten tatsächlich abwertend geguckt hat. Dies ist beim reflektierenden Sehen anders. Der Therapeut kann aus seiner eigenen Beobachtung heraus Informationen, Sichtweisen und Aspekte einbringen und könnte z.B. sagen, dass sich der Therapiehund aus seiner Sicht nicht zurückweisend verhalten hat. Strukturgebundene und evtl. eingeschränkte Wahrnehmungen des Patienten können bemerkt und thematisiert werden.

3. Hier und Jetzt: Beim reflektierenden Zuhören könnte der Therapeut z.B. sagen: „Sie fühlten sich durch den Blick ihres Chefs abgewertet“. Der Patient wird versuchen sich daran zu erinnern, ob dies damals und dort so war. Beim reflektierenden Sehen verbalisieren wir Gefühle, Verhalten, Ereignisse, Zusammenhänge etc. während sie gerade geschehen. Der Patient kann direkt in seinem Körper wahrnehmen, ob z.B. dieses Gefühl von „Abwertung“ wirklich gerade spürbar ist. Er kann herausfinden, ob vielleicht ein anderes Wort passender ist und oft kommt durch ein unmittelbares Nachspüren und genaueres Symbolisieren ein weiterer therapeutischer Schritt. Der Patient könnte dann z.B. bemerken, dass er sich durch das Verhalten des Hundes eigentlich nicht „abgewertet“ fühlt, sondern „niedergemacht“ und dieser Begriff ist nicht nur genauer, sondern führt im Gespräch auch vielleicht zu etwas Anderem hin.

4. Gemeinsames Erleben: Das reflektierende Sehen bezieht sich auf gemeinsames Erleben. Therapeut und Patient erleben etwas Gemeinsames und zwar als Menschen, die mit einem Hund interagieren und nicht als Patient und Therapeut. Es geht nicht nur um das „Thema“ des Patienten, sondern der Therapeut ist bereit, sich als Mensch einzubringen und genauso wie er das was er sieht reflektierend äußert, kann auch der Patient völlig gleichberechtigt seine Sicht einbringen. Der Patient kann dann z.B. sagen: „Ich habe den Eindruck, dass Danka schon viel mutiger zu mir kommt“ oder aber auch: „Ich habe das Gefühl, dass Sie (lieber Therapeut) mir mehr zutrauen bezüglich Ihrem Hund.“ Oder ein Kind könnte rufen: „Früher haben Sie immer den Hund zurückgerufen, wenn es ein bisschen wild wurde. Sie sind schon viel lockerer geworden (lieber Therapeut).“

5. Szene gestalten: Durch das reflektierende Sehen hat der Therapeut die Möglichkeit, den Verlauf der Szene zu beeinflussen. Er kann z.B. einfach Interesse äußern und kommentieren, was der Patient gerade mit dem Hund macht. Der Therapeut folgt dann dem Patienten, wodurch er ein Weitermachen unterstützt. Der Therapeut kann aber auch leiten und initiativ werden indem er z.B. Hinweise gibt oder Ideen einbringt. Er könnte z.B. sagen: „Ich frage mich was passiert, wenn ich Danka rufe, obwohl Sie (lieber Patient) die Leckerlidose bei sich haben“. In einer szenischen Arbeit folgt der Therapeut nicht ausschließlich dem Patienten, sondern wird auch selber aktiv. Wenn er dabei seine Gedanken, Gefühle und Motivationen ausspricht, kann der Patient von diesem mentalisierenden Vorbild erheblich profitieren. Darüber hinaus ist auch der Hund selbstständig aktiv und handelt nach seinem eigenen Wollen und Bedürfnis. Dies kann der Therapeut gut mit reflektierenden Äußerungen aufgreifen und mentalisieren. Wir sind so nicht darauf angewiesen, dass der Patient schon selber eine therapeutisch bedeutungsvolle Aktion mit dem Hund entdeckt, sondern können selber aktiv werden und unsere Ideen einbringen – ohne natürlich den Patienten zu übergehen.

Einige Hinweise zum praktischen Vorgehen:

Reflektierende Äußerungen werden i.d.R. wie ein Selbstgespräch in den Raum gesprochen. Sie sind nicht direkt an den Patienten oder Hund adressiert und erwarten keine Antwort oder direkte Reaktion. Diese Technik ähnelt der psychodramatischen Technik des „Reporters“, der aus der Vogelperspektive die Geschichte der z.B. im Sand spielenden Figuren in Worte fasst und kommentiert. Dies ist am Anfang etwas ungewohnt und auch der Patient muss sich manchmal erst daran gewöhnen.

Eine weitere Möglichkeit ist, spielerisch für den Hund zu sprechen. Z.B. könnte der Therapeut für den Hund sagen: „Oh, das fühlt sich gut an, da gehe ich mal näher ran“. Fast immer erkennen die Patienten, wie der Therapeut seine Äußerung meint und oft gehen sie auch spielerisch darauf ein (z.B. „Oh dann komm ruhig mal näher, Danka ich habe noch ganz viele Streicheleinheiten für Dich.“). Reflektierende Äußerungen sollen nicht besonders klug, tief oder bedeutsam sein. Sie begleiten das Geschehen im Raum, sprechen oft einfach das Offensichtliche aus und fördern das Dranbleiben und Weitermachen.

Früher oder später ist die Szene mit Hund dann auch zu Ende und man kann mit dem Patienten auf die übliche Art und Weise über das Geschehene und Erlebte sprechen, Fragen stellen und darüber nachdenken. Wenn in der Szene schon Verbalisierungen ausgesprochen wurden ist es viel leichter, in der Nachbesprechung Bedeutungen, Muster und Zusammenhänge zu entdecken als wenn der Therapeut schweigend beobachtet hätte. Manchmal bietet es sich im Nachhinein auch an, mit einer daraus gewonnenen Erkenntnis oder Idee eine Szene nochmal spielerisch anders zu probieren und dabei direkt erlebbare neue Erfahrungen zu machen.

Die Fähigkeit des reflektierenden Sehens ist von entscheidender Bedeutung, um einen Hund geschickt in die Psychotherapie einzubinden, so wie das reflektierende Zuhören eine der wichtigsten Fähigkeiten in der Motivierenden Gesprächsführung ist. Sie ist hier wie dort aber auch die am meisten unterschätzte Fertigkeit. Miller/Rollnick berichten, dass viele Ausbildungskandidaten der Motivierenden Gesprächsführung glauben, das reflektierende Zuhören zu beherrschen und genügend einzusetzen, was objektiv gemessen aber nicht der Fall ist (ebd. S. 385). Wenn hundegestützt arbeitende Kolleginnen und Kollegen Schwierigkeiten haben den Hund einzubinden liegt es oft daran, dass zu wenige reflektierende Äußerungen gemacht werden. Manchmal sind wir paralysiert von den vielfältigen Möglichkeiten und Sichtweisen und wollen eine kluge Deutung oder einen bedeutungsvollen Satz finden anstatt uns auf das nur scheinbar einfache reflektierende Sehen zu beschränken.

Mein Vorschlag: Versuchen Sie während sich die Szene mit dem Hund entwickelt reflektierend auszudrücken was Sie sehen oder spielerisch für den Hund zu sprechen und mit den unterschiedlichen Reflexionstiefen zu experimentieren. Wenn Sie Videos von den Stunden machen, schauen Sie sich übungshalber einen kleinen Ausschnitt an (wenige Sekunden) und überlegen Sie, wie Sie dies im Sinne des reflektierenden Sehens hätten aufgreifen können. Sie werden verschiedene Möglichkeiten finden und vielleicht fällt Ihnen in einer nächsten Stunde eher eine reflektierende Äußerung ein.

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