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Vom Handeln zur bedeutungsvollen Szene - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

08.12.2018

Vom Handeln zur bedeutungsvollen Szene

von Gerd Ganser

Vor einigen Jahren absolvierte ich eine Fortbildung im „Kinderpsychodrama“ bei Walter Holl, der gemeinsam mit Alfons Aichinger das Psychodrama Morenos auf die Arbeit mit Kindern übertragen hat. Ich glaube, es lag an dieser Fortbildung, dass ich die Interaktionen mit Danka von Anfang an als „Szene“ erlebte. Dies wurde dann eine der wesentlichen Grundlagen für das Konzept der hundegestützten Psychotherapie wie wir es im IHPt vertreten.

Hier ein Ausschnitt aus einer Kinderpsychodramaszene und wie Aichinger darauf eingeht:

Diesen Drachen besiegst du nie!

Ein 7 jähriges Mädchen wurde von einer allein erziehenden Mutter angemeldet, weil sie wegen aggressiven, oppositionellen Verhalten und massiven Störungen schon in der 1. Klasse aus einer Schule ausgeschlossen wurde und der nächste Ausschluss in der zweiten Schule droht.

Vor dem 1. gemeinsamen Beratungstermin höre ich schon, wie ein Kind vor meiner Tür wütend schreit. Als ich die Tür öffne, sehe ich, wie die Mutter Sarah wütend am Arm in Richtung Beratungszimmer zerrt. Und Sarah stemmt sich mit aller Kraft dagegen und brüllt aus Leibeskräften. Um die Bedrohung herauszunehmen und den Kampf zu entschärfen, gehe ich in eine unterlegene, schwache Position, ziehe mich sofort „erschreckt“ hinter der Tür zurück, schaue nur mit dem Kopf hervor und frage ängstlich „Was ist hier los? Steht da etwa ein mächtiges Tier vor meinem Zimmer und brüllt, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft?“. Sofort ändert sich Sarahs Gesichtsausdruck. Statt weiter zu brüllen, schaut sie mich grimmig an und sagt: „Ein Drache!“. Ich gebe mich noch ängstlicher: „Ein leibhaftiger Drache vor meiner Tür! Der wird doch nicht etwas in mein Zimmer wollen! Hoffentlich tut der mir nichts, vor dem wäre ich nicht einmal hinter der Tür sicher. Der könnte diese ja mit Leichtigkeit mit seinem Feuerstrahl abbrennen oder mit seinem Schwanz eintreten“. Sarah grinst triumphierend, während die Mutter halb konsterniert, halb amüsiert dem Dialog im Gang vor dem Beratungszimmer zuhört. Sarah entgegnet: „Den kannst du nie bezwingen, das hat noch keiner geschafft“! Ich bestätige sie, gegen einen so mächtigen Drachen hätte ich keine Chance. Diesen gewaltigen und prächtigen Drachen jedoch als Freund zu gewinnen, das fände ich toll, dann müsste ich keine Angst mehr haben. Sarah erwidert: „Der macht Dich jetzt fertig“. Ich flehe um Gnade und frage sie, ob sie etwa die Freundin des Drachen sei und für mich um Gnade bitten könnte. Das sei ihr Haushund, entgegnet sie. Ich bewundere sie, so einen starken Hütehund zu haben (…)

(A. Aichinger, Einzel- und Familientherapie mit Kindern, Kinderpsychodrama, Band 3, Springer VS, Wiesbaden, 2012; S. 26)

Nun gibt es erhebliche Unterschiede im therapeutischen Vorgehen, wenn wir mit einem Hund arbeiten. Eine Verschiebung des realen Geschehens in eine Phantasiewelt, wie sie Aichinger beeindruckend zeigt, funktioniert im Hundekontakt nicht und wird auch nicht angestrebt. Der Therapiehund reagiert immer auf das „reale“ Geschehen im Raum und kann phantasierte sprachliche Zuschreibungen nicht verstehen. In meiner Praxis verwende ich beide Vorgehensweisen: Das Phantasiespiel wird meist im Sand mit Figuren gespielt und zusätzlich arbeite ich mit der „real-gezeigten“ Szene mittels der hundegestützten Psychotherapie.

Beide Ansätze verbindet ein Anliegen, dass Aichinger (a.a.O. S. 12) auf den Punkt bringt: „Nimmt er (der Therapeut; G.G.) seine Rolle und die des Kindes mit allen Sinnen wahr, kann er die in der symbolischen Handlung liegenden Botschaften und Intentionen erspüren und verstehen. Bleibt er aber an der Rollenausführung und an der Medienvorlage, am manifesten Inhalt hängen und versteht nicht die latente Bedeutung, den hintergründigen Sinn dieser Szene, kommt er auch nicht zu den symbolisch-szenischen Interventionen, die sich im ernsthaften Spielen wie von selbst ergeben.“

Das gemeinsame Anliegen von Psychodrama und hundegestützter Psychotherapie ist, den Sinn bzw. die Bedeutung der Szene zu verstehen und zu nutzen. Dies meint allerdings nicht die rationale Analyse und kluge wissende Deutung, die man vielleicht in einen Bericht an den Gutachter schreiben könnte, sondern laut Aichinger das sich Einlassen auf die Szene mit allen Sinnen um die Botschaften erspüren zu können. Das ist ein wichtiger Punkt! Ich betone immer wieder, dass man keine analytische, tiefenpsychologische oder psychodramatische Ausrichtung braucht um auf unsere Art und Weise zu arbeiten. Wenn man sich ganz auf die Szene einlässt, reagiert und erspürt man als Mensch, nicht als „Psychoanalytiker“ oder „Verhaltenstherapeut“, denn jeder Mensch hat am eigenen Körper erfahren was es heißt, Nähe und Distanz zu spüren, Angst und Hunger zu haben oder (nicht) versorgt zu werden. Diese Kompetenz teilen wir mit unseren Hunden und auf dieser Ebene können wir, der Patient und der Therapiehund miteinander kommunizieren und „verstehen“ was gerade passiert.

Die Schwierigkeit aber auch den Wunsch, vom „manifesten Inhalt zum hintergründigen Sinn“ der Szene zu kommen, teilen wir mit den psychodramatischen Kolleginnen und Kollegen. Ist der Sinn des Brüllens von Sarah nicht klar? Sie will halt nicht in die Beratungspraxis, so könnte man die ganze Szene auch verstehen. Was soll es schon bedeuten, wenn der Patient dem Hund ein Leckerli gibt oder ihn streichelt? Wie kommt man von der scheinbar offensichtlichen Handlung zum dahinterliegenden Sinn? Und wie kann man dies dann so aufgreifen, dass der Patient sich nicht entblößt oder analysiert fühlt, sondern im Gegenteil angeregt wird, über sich und andere nachzudenken, also zu mentalisieren?

Eines der größten Hindernisse, so erlebe ich dies in Supervisionen von Ausbildungsteilnehmer, ist der Anspruch des Therapeuten, wissen zu müssen was die Szene bedeutet. Das setzt ihn unter Stress und blockiert gutes Mentalisieren. Der „wissende Therapeut“ würde sich dann nicht wie Aichinger auf das Spiel oder die Szene einlassen, sondern eine überlegene Position einnehmen und sich dadurch als mitspielende Person (Mensch, Subjekt) aus der Szene herausnehmen und versuchen die Bedeutung objektiv zu bestimmen. Demgegenüber würde ich eine Haltung favorisieren, die in der mentalisierungsbasierten Psychotherapie vertreten wird. Ein wesentlicher Aspekt ist die „Haltung des Nicht-Wissens“. Aus dem Nicht-Wissen heraus, aus der Anerkennung der Subjektivität der eigenen Sichtweise und des beteiligten Mitagierens kann ich gemeinsam mit dem Patienten auf die Suche gehen nach der Bedeutung der Szene.

Aichinger fragt Sarah (oder auch sich selbst): „Was ist hier los? Steht da etwa ein mächtiges Tier vor meinem Zimmer und brüllt, dass mir eine Gänsehaut über den Rücken läuft?“ (s.o.) Er sagt nicht: Da steht ein Drache vor meiner Tür, der will dies oder jenes, sondern fragt Sarah und äußert sein eigenes (gespieltes, markiertes) Gefühl. Analog können wir den Patienten fragen (oder auch uns selbst laut fragen), welche Gefühle, Gedanken, Intentionen etc. der Patient angesichts der Szene mit dem Hund hat (Mentalisieren des Selbst), welche mentalen Inhalte er bei dem Hund vermutet (Mentalisieren des Anderen), wie er es erlebt von mir gesehen zu werden (triadische Aspekte), ob er diese Gefühle auch sonst hat (lebensgeschichliche Zusammenhänge), ich kann meine Empfindungen und Beobachtungen einbringen (mentalisierendes Vorbild) etc. pp.

Das konkrete Vorgehen ist dabei natürlich vom Alter, dem Strukturniveau und der Mentalisierungsfähigkeit des Patienten abhängig. Manche Patienten können auf offene Fragen nach ihrem Empfinden differenziert antworten. Mit „offenen“ Fragen können dann innere Such- und Verstehensprozesse angestoßen werden. Andere Patienten (z.B. jüngere Kinder oder Patienten, die Mühe haben, ihre Innenwelt zu spüren) stehen allerdings hilflos bzw. sprachlos vor offenen Fragen nach ihrem Empfinden. Der Therapeut kann und sollte in diesem Fall Wege eröffnen auf die der Patient eingehen kann. Aichinger zeigt dies für sein psychodramatisches Vorgehen, indem er Sarah fragt, was für ein Tier denn da so brüllt und Sarah dadurch zum Spielen, Phantasieren und Sprechen einlädt. Er versucht „die Aktion des Kindes szenisch zu erfassen und zu verstehen und dann mit einem Bild zu beschreiben, das zu einer Spielhandlung anregt.“ (Aichinger, a.a.O., S. 37)

Aichinger geht davon aus, dass aus solchem ernsthaften gemeinsamen Spiel und Mentalisieren oftmals „wie von selbst“ Zusammenhänge auftauchen und Bedeutungen erscheinen (s.o.). So bleiben dann die Fragen und Interventionen nicht beliebig und ungerichtet, sondern führen mehr und mehr zum gemeinsam erschaffenen „Sinn“ der Szene. Wie kann es aber sein, dass Therapeut und Patient (und Hund?) zu einem übereinstimmenden Verständnis der Szene kommen können? Das ist eine sehr interessante Frage, der ich in einem anderen Blogartikel nachgehen werde.

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