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Zerrspiele in der Psychotherapie? - Blog / Institut für Hundegestützte Psychotherapie (IHPt)

19.09.2019

Zerrspiele in der Psychotherapie?

von Gerd Ganser

Im letzten Blog berichtete ich von einer Untersuchung die zeigt, dass ein freies Spiel für Hunde entstressend wirkt. Demgegenüber erzeugen „Spiele“, die das Verhalten der Hunde kontrollieren und dem Hund keinen Freiraum lassen, Anspannung und Stress. Was bedeutet dies für die Aktivitäten in der hundegestützten Psychotherapie?

Zunächst sollten wir uns fragen, was ein freies Hundespiel überhaupt ist. Wie spielen Hunde untereinander, wenn sie nicht vom Menschen beeinflusst sind?

Nach Ganslosser (Ganslosser, Käufer; Auszeit auf Augenhöhe. Mensch-Hund-Spiel: Kleiner Einsatz mit großer Wirkung; Kosmos, 2017) spielen Hunde untereinander ausschließlich „echte Sozialspiele“. Wenn Hunde spielen, dann raufen sie miteinander, sie jagen sich, sie kämpfen, sie dominieren und unterwerfen sich und verteidigen spielerisch eine Ressource vor dem anderen. Spielen besteht aus Verhaltenssequenzen aus der Jagd, der Sexualität und dem Revierverhalten, also aus hündischem Verhalten, das in einem anderen Zusammenhang auch „ernst“ gezeigt wird und dort z.B. zur Paarung oder zum Töten der Beute führt. Welpen erlernen über das Spielen angemessenes Sozialverhalten, aber auch z.B. wie man jagt und Beute macht. Ein unerfahrener Beobachter könnte meinen, dass zwei spielende Hunde tatsächlich miteinander kämpfen aber eigentlich ist erkennbar, ob es sich um ein „so tun als ob“ handelt oder nicht.

Kennzeichen eines Spieles unter Hunden sind:

  • Spielsignale: Durch eine ständige „Metakommunikation“ einigen sich die spielenden Hunde, dass das gerade gezeigte Verhalten Spiel ist, dass das Knurren nicht ernst gemeint ist, dass der Biss in die Kehle nur angedeutet wird, usw. Typische Spielsignale sind die „Spielverbeugung“ und das „Spielgesicht“.
  • Rollenwechsel und Selbsthandikap: Der Stärkere tut so als ob er schwächer wäre und ermöglicht dem Partner die Rolle des Überlegenen. Die Rollen wechseln mehr oder weniger häufig.
  • Freiwilligkeit: Ein Spiel ist immer nur freiwillig möglich. Drängt ein Hund dem anderen Hund einen Kampf auf oder kämpft ein Hund weiter obwohl der andere nicht mehr will, so ist dies kein Spiel (mehr).
  • Spaß, Selbstbelohnung, Ziellosigkeit: Hunde brauchen für eine Motivierung zum Spiel keine externe Belohnung oder einen Gewinn. Ihr Spielen verfolgt kein Ziel außer miteinander Spaß zu haben und das Spiel weiter zu führen.
  • Spielkämpfe sind oft laut, mit übertriebenen Drohen verbunden und teils dramatisch inszeniert – in echten Kämpfen wird nicht mehr geknurrt und gedroht, sondern alle Energie für das Verletzen oder Töten des Gegners verwendet, weshalb echte Kämpfe meist leise ablaufen.

Einige Hundeexperten raten davon ab, mit seinem Hund körperbetont zu spielen. Stattdessen werden kontrollierte Aktivitäten empfohlen wie z.B. das Apportieren eines Balles oder das Suchen von Futter. Für Ganslosser sind dies Aktivitäten und Beschäftigungen aber keine echten Spiele:

„Wenn eine Trainingseinheit als „Erziehungsspiel“, die Suche nach verstecktem Futter als „Intelligenzspiel“, das stereotype Werfen und Zurückbringen von Ball oder Stock als „Apportierspiel“, das Hetzen eines Beuteersatzes an einer Angel als „Jagdspiel“ und sogar das körpersprachliche Begrenzen und Bedrohen eines Hundes als „Leinenführspiel“ bezeichnet wird, ist es an der Zeit zu fragen, ob wir tatsächlich vergessen haben was Spiel eigentlich ist.“ (Ganslosser, a.a.O., S. 10)

 

Dass wir Menschen mit unseren Hunden nicht „wirklich spielen“ liegt nach Ganslosser an der spezifisch menschlichen Spielentwicklung die sich von der Spielentwicklung der Hunde mit zunehmenden Alter immer deutlicher unterscheidet. Kleine Kinder spielen zunächst genauso wie Hundewelpen und erwachsene Hunde „echte Sozialspiele“ mit ihren Bezugspersonen. Es wird gekitzelt, gefangen, gekämpft, gerannt und alle oben aufgeführten Kennzeichen eines Spiels sind vorhanden. Der Vater tut dann z.B. so als ob er gefangen würde und auch die „Drohungen“ sind eindeutig und erkennbar spielerisch. Bei den Menschen kommt allerdings ab dem 3. Lebensjahr eine Spielform hinzu, die Hunde so nicht entwickeln: Das Regelspiel. Zwar gibt es auch im freien körperbetonten Sozialspiel Regeln wie z.B., dass man sich entschuldigt, wenn man dem anderen weh getan hat (Hunde zeigen dann z.B. oft eine Spielverbeugung) aber menschliche Kinder spielen zunehmend Regelspiele in denen festgelegt ist wie jeder einzelne Schritt „richtig“ zu tun ist. Man muss sich an feste Regeln halten um seine Spielfigur zu ziehen oder Mannschaftssport zu betreiben. Ein Selbsthandikap, Ziellosigkeit, Rollenwechsel etc. ist in Regelspielen nicht mehr möglich. Jüngere Kinder spielen auch noch Rollenspiele und Phantasiespiele („Ich wäre jetzt der Wolf und Du das Rotkäppchen…“). Für den erwachsenen Menschen sind Regelspiele oft die einzigen Spiele, die sie noch ausüben. Dies wird dann auf das „Spiel“ mit dem Hund übertragen, so dass auch beim „Spiel“ mit Hunden typisch menschlich-erwachsene „Spiele“ im Vordergrund stehen.

Was bedeutet dies für das Spielen in der Psychotherapie? Hat das „echte Sozialspiel“ Platz in der Psychotherapie? Können wir Zerrspiele, Kämpfen, Jagen, Rennen, Dominieren, Unterwerfen zulassen? Klassischerweise wird diese Frage in der Literatur zur tiergestützten Therapie eindeutig mit Nein beantwortet. Es herrscht ein Tabu. Früher sah ich dies auch so, aber in den letzten Jahren hat sich meine Haltung verändert zu einem: „Ja, aber“.

Zum Ja:

  • Gelingende echte Sozialspiele machen großen Spaß und entspannen Hund, Patient und Therapeut. Es kommen eine Vitalität und Freude in den Praxisraum was hilft, auch schwere Themen miteinander zu bearbeiten.
  • Für den Hund sind freie Spiele nicht so belastend wie kontrollierte Aktivitäten.
  • Sehr wichtige therapeutische Themen wie z.B. Aggressivität, Anpassung, Selbstwirksamkeit, Macht und Ohnmacht werden in Szene gesetzt. Die Fähigkeit sich mit einem anderen Subjekt körperlich handelnd abzustimmen (affektmotorische Muster) wird sichtbar und bearbeitbar.
  • Der Hund kann sein Hundsein, seine Fähigkeiten, seine Grenzen zeigen und wird so eher als Subjekt erlebt und kann als echter Dritter die therapeutische Dyade erweitern. Er ist dann eindeutig kein konditioniertes funktionierendes Mittel für einen therapeutischen Zweck.

 

Zum Aber:

  • Echte Sozialspiele mit Zerren und Kämpfen sind nur möglich, wenn die Sicherheit von Patient und Hund jederzeit gewährleistet ist. Verlässt einer der Beteiligten das Spiel indem er anfängt ernsthaft zu kämpfen, so muss die Interaktion sofort vom Therapeuten unterbrochen werden.
  • Damit der Therapeut sicher erkennen kann, ob es noch ein Spiel ist, ob noch die Freiwilligkeit da ist oder ob einer der Beteiligten droht die Kontrolle zu verlieren, benötigt der Therapeut die Fähigkeit dies zu erkennen. Er muss regelmäßig und oft mit seinem Hund spielen um dessen Signale eindeutig und schnell identifizieren zu können. Des Weiteren muss er auch den Patienten soweit einschätzen können.
  • Ein freies Spiel ist nur im Einzelkontakt und nur unter der ständigen Aufsicht des Therapeuten zu verantworten.
  • Der Therapeut braucht die Fähigkeit und den Willen auch den Patienten zu begrenzen. Patienten, die sich nicht stoppen lassen, können (noch nicht) frei mit dem Therapiehund spielen.
  • Der Hund muss Freude am körperbetonten Spiel haben und in seiner Sozialisation gelernt haben, wie man richtig spielt. Einige Hunde können dies (noch) nicht. Körperbetonte Sozialspiele sollten mit diesen Hunden nicht initiiert und zugelassen werden.

Um ein echtes Sozialspiel in der Psychotherapie zulassen zu können, müssen Therapeut und Hund miteinander viel Erfahrung im körperbetonten Spiel erworben haben. Nur dann kann der Hund die Reaktionen von Menschen zuverlässig einschätzen und darauf angemessen reagieren. Meine Hündin Danka hört z.B. auf zu zerren, wenn sie spürt, dass der Mensch anfängt ernsthaft zu kämpfen.

Als Hundehalter müssen wir oftmals erst lernen, wie ein echtes körperbetontes Sozialspiel mit unseren Hunden geht. Der Hundetrainer Mirko Tomasini hat hierzu ein empfehlenswertes Buch veröffentlicht (Tomasini, Das Leitwolf Spiel, Ulmer Verlag, 2014). Einen ersten Eindruck des Unterschieds zwischen „Rumgehopse“ oder „Pöbeln“ zum echten Spiel vermittelt auch die WDR Doku: Richtig Spielen mit Hund (https://www.youtube.com/watch?v=l_Fde1rzop4).

Wenn der Psychotherapeut gelernt hat mit seinem Hund zu spielen, heißt dies lange noch nicht, dass auch die Patienten harmonisch mit dem Therapiehund spielen können. Patienten bringen die Fähigkeit zu einem freien, ungezwungenen, freudvollen, intensiven Kontakt mit einem anderen Subjekt (Mensch oder Hund) nicht mit in die Therapie, sondern leiden meist darunter, dass ein solch freies befriedigendes Sozialleben real eben nicht vorhanden oder eingeschränkt ist. In der Depression, im Zwang, in der Angst liegen intrapsychische wie intersubjektive Beschränkungen, die sich auch im Spiel mit dem Therapiehund und im Kontakt mit dem Therapeuten in der therapeutischen Szene zeigen. Dies allerdings manchmal nur, wenn wir die Sicherheit des normierten und kontrollierten Kontaktes verlassen und eine freiere Interaktion zulassen – wenn also mehr als Streicheln und Apportieren möglich ist. Insbesondere in der Therapie mit Erwachsenen müssen sich die Therapeuten manchmal einen Ruck geben und die bequemen Sessel verlassen um solch ein freies Spiel zu ermöglichen und anzuregen.

Zum Schluss ein wichtiger Hinweis: Spielen erfordert den Einsatz des ganzen Körpers und volle Konzentration, weshalb Hunde oft nur wenige Sekunden bis höchstens ein paar Minuten miteinander spielen. Um eine Überforderung von Mensch und Hund zu vermeiden muss man manchmal das Spielen zeitlich begrenzen, auch wenn der Patient oder der Hund weitermachen will. Man sollte eher „Aufhören, wenn es am Schönsten ist“ als bis zur Erschöpfung weiter zu spielen. So können sich alle darauf freuen, wenn es nächste Woche wieder heißt: „Spiel frei“.

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1 Kommentare


Andreas  Köhnke
Andreas Köhnke
20.09.2019, 00:00

Sehr aufschlussreich und interessant. Eine gute Anregung, das zu enge Korsett der "konventionellen hundegestützten Therapie" zu überwinden, um das therapeutische Potenzial, das die Einbindung eines Hundes bietet, auch auszuschöpfen.

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